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zum Projekt

Hintergrund

Am 20. April 1999 tötete Eric Harris gemeinsam mit seinem Freund Dylan Klebold während eines Amoklaufs an der Schule dreizehn Menschen. 23 wurden verletzt. Es war nicht der erste, aber der erste international beachtete Fall eines sogenannten School Shootings.

Nach dem Amoklauf an der Columbine High School galt ein Teil der öffentlichen Fassungslosigkeit auch der Tatsache, dass Harris und Klebold das Attentat während acht Monaten geplant hatten, ohne entdeckt zu werden. «Ich muss jeden täuschen und belügen», schrieb Eric Harris in sein Tagebuch, «dann ist alles gut. Ich vertraue meiner Fähigkeit, die Leute zu betrügen.» Wer sich mit diesen School Shootings und ihren Akteuren befasst, erkennt, wie schwierig es ist, sie zu verhindern. Wie schwierig es ist, nur schon ihre Gründe zu benennen: Sehr schnell lösen sich dann die üblichen, schnellen Erklärungsansätze in Luft auf. Diese Amokläufer, das sind nicht Aussenseiter, die zuviel Videogames gespielt und die falsche Rockmusik gehört haben. Die Wahrheit ist viel erschreckender, und darum soll es in diesem Stück gehen. Darum, wozu junge, intelligente Menschen fähig sind, wenn sie das sind, was die Gesellschaft von ihnen verlangt: fokussiert auf ihre Ziele. Zum Besten nämlich, und zum Schrecklichsten.


Inhalt

I feel like god and I wish I was besteht aus Originaldokumenten, in denen sich die Attentäter selber äusserten, während sie ihre Tat vorbereiteten. Dabei greift das Stück nicht nur auf das Material zurück, das Eric Harris und Dylan Klebold hinterlassen haben, sondern auch auf die (öffentlich zugreifbaren) Polizeiakten über andere School Shootings – über die Attentate nämlich von Seung Hui Cho (16. April 2007, Blacksburg) und Kip Kinkel (20. Mai 1998, Springfield). Die Texte mischen sich so zu einem vierstimmigen, auch widersprüchlichen Psychogramm des School Shooters und werden damit über den Einzelfall hinaus diskutier- und deutbar. Gleichzeitig werden sie so auf die Schauspielerinnen und Schauspieler verteilt, dass die vier einzelnen Stimmen in sich erkennbar und schlüssig sind.

Das Stück hat keinen narrativen Faden im klassischen Sinn. Es führt lose, in nicht streng chronologischer Folge von den Vorbereitungen von Eric Harris und Dylan Klebold bis hin zum Attentat am 20. April 1999, das mit dem Selbstmord der beiden endete. Dabei geht es nicht um eine Nacherzählung der Ereignisse, sondern um die Schaffung eines theatralischen Raumes, in der sich die Attentäter – verbal und körperlich – äussern. Das Ziel ist nicht, ihre Taten zu verurteilen (das wäre redundant) oder zu verstehen (das wäre obszön). Das Ziel ist, den Zuschauer zunächst mit Texten zu konfrontieren, die er vielleicht auch noch unterschreiben könnte; um ihn dann in einer Eskalation des Denkens an den Punkt zu bringen, wo er mit den Attentätern nicht mehr einverstanden ist und wo er beginnt, ihre Ideen abzulehnen. Die Zuschauerin wird also vier Figuren begegnen, die das, was sie vielleicht auch schon mal gedacht hat, zu seinem radikalen Ende denken – und ausführen.


Figuren

Im Stück sprechen vier Stimmen: E, D, K und S. Sie werden an der Uraufführung auf acht Schauspielerinnen und Schauspieler verteilt. Diese Besetzung zielt auf den Schluss des Stücks, wie er derzeit geplant ist: Je eine Hälfte jeder Stimme wird, wenn der Tag des Attentats gekommen ist, auch wirklich abdrücken. Die anderen vier Hälften von E, D, K und S stehen so für die potenziellen Amokläufer, die sich zuletzt gegen die Tat entscheiden.


Form

I feel like god and I wish I was ist ein Doku-Theater, das auf Originaldokumenten basiert, mit anderen Worten auf Auszüge aus dem Denken und Handeln der Attentäter. Fiktional am Stück ist, dass es diese Originale nach dramaturgischen Gesichtspunkten a) auswählt und b) arrangiert. Fiktional ist aber auch, dass sich die vier Figuren auf der Bühne begegnen und in einzelnen Szenen auch austauschen. Das geht nicht, ohne dass die Originaldokumente dafür auch angepasst – leicht umformuliert, umgestellt, gekürzt – und in neue Zusammenhänge gestellt werden. Auch längere monologische Teile werden auf ihre Bühnentauglichkeit hin bearbeitet. Dies alles, ohne die Aussage und den Gestus der Originale zu verändern.


Quellen

Die Originaltexte der Attentäter wie auch weitere Polizeiakten sind im Falle des School Shootings an der Columbine High School fast vollständig auf dem Internet greifbar. In geringerem Ausmass gilt dies auch für die anderen erwähnten Amokläufe. Eine wichtige Inspiration für dieses Theaterprojekt war der dokumentarische Roman Ich bin voller Hass – und das liebe ich von Joachim Gaertner (Eichborn 2009): Darin machte er einen Teil der Dokumente über das Attentat an der Columbine High School bereits auf Deutsch zugänglich. Für das Theaterstück wird trotzdem auf die amerikanischen Originale zurückgegriffen.

Die School Shootings wurden in zahlreichen Büchern aufgearbeitet, vorab der Amoklauf an der Columbine High School ist auch in der Sekundärliteratur hervorragend dokumentiert und beschrieben (zuletzt durch Jeff Kass und Dave Cullen). Als sehr nützlich hat sich auch das Buch Why Kids Kill – Inside the Minds of School Shooters des US-amerikanischen Psychologen Peter Langman erwiesen: Er untersucht darin die wichtigsten Amokläufe an Schulen in den USA und zeigt, dass die psychologischen Voraussetzungen und damit auch die Gründe für die Attentate von Fall zu Fall denkbar unterschiedlich sind.

Im Verlauf der Recherchen möchten wir uns aber auch mit Vertretern der Schule und der Polizei austauschen, die sich in der Schweiz mit dem Phänomen beschäftigen bzw. sich in der Prävention engagieren. Bekanntlich gab es hierzulande noch keinen Fall eines School Shootings. Diese Recherchen werden kaum direkt ins Stück einfliessen, sehr wohl aber ins Rahmenprogramm, das parallel zu den Aufführungen geplant ist.