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Der Stoff

Es war einmal: eine Zukunft. Da lag sie vor den Menschen mit all ihren Versprechen und all ihrem Fortschritt. “We want the world and we want it now“, schrie Jim Morrison, Sänger der Doors, und mit ihm konnte es eine ganze Generation kaum erwarten, die Zukunft an sich zu reissen. Dieser Optimismus von 1967 ist verflogen. Wir leben in einer Zeit, welche die “Zukunft als Katastrophe” beschreibt, wie ein neues Buch der deutschen Autorin Eva Horn heisst. Im Kino, in Romanen, aber auch in Sachbüchern erfreuen sich die Endzeitszenarien einer grossen Beliebtheit. Dann kurvt Will Smith in “I Am Legend” als letzter Mensch durch ein ausgestorbenes New York, dann schickt Cormac McCarthy in “The Road” einen Vater und seinen Sohn durch eine apokalyptische Landschaft auf den Weg ans Meer und damit an den Rand der menschlichen Hoffnung. Oder dann beschreibt Alan Weisman in seinem wissenschaftlichen Bestseller “Die Welt ohne uns”, wie sich die Erde und die Natur vom Menschen erholen werden, wenn der nur erst ausgestorben ist. Gleichzeitig rüstet sich die Bewegung der Survivalisten oder der Preppers für ein Überleben nach der grossenKatastrophe, hortet an geheimen Orten ihr Getreide und ihre Waffen. Und in den Blogs einer neuen Do-it-yourself-Bewegung lernt der hippe Stadtbewohner, wie das schon wieder ging, ein Brot zu backen oder eine Seife selber herzustellen. Man kann ja nie wissen. 

Die Faszination für eine katastrophale Zukunft liegt aber ganz und gar in der Gegenwart, und das macht sie interessant für unser Theaterprojekt. In fast allen dieser Katastrophenszenarien zeigt sich eine Sehnsucht nach einer einfacheren, weniger komplexen Welt. “Das unlesbare Zeitalter” hat der amerikanische Essayist Mark Lilla unsere Zeit genannt. Und tatsächlich, wir verfügen zwar über mehr Informationen über die Welt als jede Generation vor uns, aber diese Informationen sind zunehmend unverständlich. Der Klimawandel hat Folgen, die wir noch nicht einmal ansatzweise begreifen. Die Kriege sind hybrid und längst jenseits von Gut und Böse. Die Ökonomie hat sich in die surreale Wettwirtschaft der Wall Street verwandelt, in der allein in New York täglich sechs Milliarden an Preisen berechnet werden – von Algorithmen, die selbst von den Bankern nicht verstanden werden. Und das Internet verändert gerade grundlegend die Bedingungen des Zusammenlebens und der menschlichen Beziehungen. Das alles führt dazu, dass uns die Zukunft nicht mehr planbar erscheint, und wir erleben einen nahezu vollständigen Ausfall gesicherter Perspektiven. Und das ist die Stelle, an der das “unlesbare Zeitalter” zum Teil unserer Biografien wird. Wir sorgen uns noch nicht einmal mehr um unsere Rente; sondern um unseren Beruf, den es in zehn Jahren vielleicht nicht mehr geben wird. Also gehen wir in die Weiterbildung und ins Fitnesstraining, um unsere Ressourcen zu stärken. Wir unterrichten unsere Kinder in Resilienz und optimieren auf Facebook unsere eigene digitale Existenz. Alles, was wir wissen, ist: Man kann nie wissen.