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Zum Stück

I’VE SEEN THE FUTURE, BABY

Von Christoph Fellmann, Regie: Livio Andreina

 

I’ve Seen the Future, Baby” erkundet ein Lebensgefühl, das uns vor der Zukunft zurückschrecken lässt. Es leiht seinen Titel bei einem Song von Leonard Cohen, in dem es heisst: “I’ve seen the future, baby / It is murder.” Es geht an diesem Theaterabend aber weniger um Szenarien von Mord und Meteoriteneinschlag, als vielmehr um den beklemmenden, ja lähmenden Eindruck, dass die Zukunft unlesbar, unkontrollierbar und in irrem Tempo auf uns zurast. Es ist also kein Stück über die Zukunft, es ist ein Stück über die Gegenwart. Es knüpft direkt an der letzten Produktion des Theaters rostfrei an, an “Too Small to Fail“, die sich mit den Revolutionsversuchen der letzten Jahre beschäftigte (Uraufführung im September 2013 im Südpol Luzern). Die junge Theatergruppe, bestehend aus Schauspielerinnen und -spielern zwischen 25 und 30, beschäftigt sich damit erneut mit der Art und Weise, wie junge Menschen heute in ihrer Welt leben, und mit den Schwierigkeiten, diese Welt zu verstehen und zu verändern. Die Zusammenarbeit mit einem Autor aus der Generation der 80er und einem Regisseur aus jener der 68er ist dabei Programm: Sie schärft den Blick auf die Zukunftsvorstellungen der letzten fünfzig Jahre und ermöglicht so tiefere Einsichten in den heutigen “Ausfall von Zukunft”, wie ihn Eva Horn diagnostiziert und wie wir ihn heute erleben. 

Das Stück rückt ab vom dokumentarischen Ansatz der letzten Arbeiten, die das Theater rostfrei über Amokläufer (“I Feel Like God and I Wish I Was”, 2011) und Revolutionäre (“Too Small to Fail“, 2013) auf die Bühne gebracht hat. Zwar inspiriert es sich in vielen Zeitungsberichten und Sachbüchern, vor allem aber auch in fiktionalen Erzählungen über die Zukunft. Darüber hinaus ist der Text aber frei erfunden. Er blickt in einen Wohnraum von vier jungen Menschen zwischen 25 und 30 Jahren. Der Raum ist eine WG, vielleicht aber auch ein Schutzraum oder sogar eine Arche. Wir sehen also junge Menschen von heute mit ihrem Leben, mit ihren Träumen und mit ihren Sehnsüchten. Eingebettet ist diese Szenerie in eine gespenstische Offenbarung über die Zukunft, wie sie der französische Autor und Priester Jean-Baptiste Cousin de Grainville um 1805 in «Le dernier homme» («Der letzte Mensch») formuliert hat. Der Zeitgenosse wird in dieser frühen Dystopie über den Weltuntergang und die schreckliche Natur des Menschen in eine Höhle geführt, wo er wie in einem Theater den “letzten Menschen” begegnet: Omégare und Syderia debattieren mit Adam, dem ersten Menschen, über die Frage, ob sie sich fortpflanzen und so die Menschheit retten sollen. Der “Ausfall von Zukunft” wird als überzeitliches Phänomen erkennbar, das die Menschen während grossen Umbrüchen beschäftigt und beklemmt. Was aber auch heisst: Die Hoffnung lebt.