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zum Stück

TOO SMALL TO FAIL

Regie/Konzept: Livio Andreina. Text/Konzept: Christoph Fellmann. Ausstattung: Anna Maria Glaudemans Andreina. Bewegung: Elina Müller-Meyer. Video: Giordano Canova. Licht: Martin Brun, Fish & Light. Grafik: Alan Romano. Administration: Lisa Birrer.

 

Die Revolution hat stattgefunden. Sie wurde gezwitschert und gelinkt und geliked:-) Sie wurde auf T-Shirts gedruckt und in Modelinien besetzt. Man hat sie diskutiert und analysiert, in Bücher geschrieben und zu Tode umarmt. Die Revolution ging ein ins interaktive Spektakel der Märkte, und die Krise zog sich zurück. Anonyme hatten Anonyme bekämpft, und besetzt oder beendet oder bewegt wurde etwas Ungefähres. Die Revolution wanderte weiter und ging als globalisiertes, flexibilisiertes Protestphänomen durch die Strassen des Südens und kam auf den Bildschirmen zurück. Und wir, wir sitzen staunend davor und versuchen sie zu verstehen. Was war und ist da los? Was ist aus den guten Gründen geworden, die Welt zu verändern? “Too Small to Fail”, das ist die Geschichte einer unmöglichen Revolution. Und da hinein stürzt sich das Theater rostfrei in seiner ersten Produktion nach “I Feel Like God and I Wish I Was”, dem Stück über Amokläufer vom Herbst 2011. Der revolutionäre Happening übersetzt Originaldokumente der internationalen Protestbewegungen seit “Occupy” in einen neuen, fiktionalisierten Text.

 

“Too Small to Fail” beschäftigt sich mit den westlichen Revolutionsbewegungen der letzten zwei Jahre, vor allem mit Occupy, einer Aktion, die im Herbst 2011 in über 900 Städten vor allem in den USA und Europa begann. Vor allem geht es um die Frage, warum die breite, medienwirksame Bewegung und ihre dringende und – vor dem Hintergrund der Krise – auch plausible Kapitalismuskritik so schnell und lautlos wieder verschwunden sind. Es geht in “Too Small to Fail” also um eine Revolution, die begründet, aber auch unmöglich scheint – mit anderen Worten um eines der grossen Themen der Generation der heute 20- bis 30-Jährigen. Zu dieser Generation gehören auch die Spielerinnen und Spieler des Theater rostfrei, die im Herbst 2011 gerade mit einem Stück über Amokläufe an Schulen beschäftigt waren und darum an der Revolution nicht teilnehmen konnten.

 

Quellen des Stücks

– Testimonials auf der Website wearethe99percent.tumblr.com
– “Recording One’s Own Death” von Rabih Mouré
– “Tomorrow’s Parties” von Forced Entertainment
– www.vhemt.org
– Slavoj Zizek: “Das gewaltsame Schweigen eines Neubeginns”, in “Occupy!” (Suhrkamp)
– Interview mit Bernhard Heinzlmaier, Experte für Jugendkultur (“Tages Anzeiger”, 19.2.13)
– Markus Metz / Georg Sesslen: “Kapitalismus als Spektakel” (Suhrkamp)
– Constantin Seibt: “Die Bomben unter dem eigenen Haus” (“Tages Anzeiger”, 11.5.10)
– Florian Keller: “Wir administrieren uns zu Tode” (“Tages Anzeiger”, 15.12.12)
– William Butler Yeats: “Politics”
– “SRF Börse” vom 11.3.13
– Rede von Madonna, Stadion Letzigrund Zürich, 18.8.12
– Auftritt von Tom Morello im Zuccotti Park New York, 14.10.11

 

Zitate

„Worked hard, played by the rules, got good grades, never got into trouble. I have a masters degree, why can’t I get a job? I have $ 100 000 in debt (and growing). Sometimes I get physically sick from anxiety. I am TERRIFIED for the future. I am the 99 percent.“ (Steve, wearethe99percent.tumblr.com)

 

„Die Demonstranten müssen sich nicht nur vor ihren Gegnern in Acht nehmen, sondern auch vor falschen Freunden, die sie scheinbar unterstützen, in Wirklichkeit aber schon eifrig daran arbeiten, die Protestbewegung zu verwässern. Wie beim Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol oder Eis ohne Fett werden sie versuchen, die Proteste als harlose moaralistische Gesten erscheinen zu lassen. (…) Der schnellen Übersetzung der Energie des Protests in eine Reihe konkreter praktischer Forderungen gilt es eine Absage zu erteilen.“ (Slavoj Zizek, Philosoph)

 

„Der Finanzkapitalismus, der aus der Krise gestärkt hervorgeht, und die Postdemokratie, die sich seiner bedient wie er sich ihrer, sind dabei, eine neue Form der Herrschaft auszubilden, mit neuen Klassen, neuen Regeln, neuen WErten, neuen Ordnungen, neuen Strafen und neuen Belohnungen. Niemals könnte all dies in Form eines historischen Projektes geschehen, sondern nur im Dunst des Wirkens jener medialen, sozialen und technologischen Apparate, die wir die Blödmaschinen nennen. Die Umwandlung des geglaubten in den gespielten Kapitalismus weiss von sich selbst so gut wie nichts. Der neue Kapitalismus funktioniert nicht obwohl, sondern weil die Menschen nicht mehr an ihn glauben. Und an vielen Ecken, oben wie unten, scheint ein Kapitalismus, der sich durch nichts anderes mehr begründen muss als durch die Effizienz seiner Elemente und das Entertainment, das er abwirft, wie eine Befreiung. Der neue Kapitalismus ist kein System und kein Glaube mehr, er ist ein Spektakel.“ (Markus Metz, Georg Seesslen, “Kapitalismus als Spektakel”)

 

„Music makes the people come together / Music mix the bourgeoisie and the rebel“ (Madonna, “Music”)

 

„Ich wünsche meinen Mitarbeitenden, dass sie trotz anspruchsvollem Umfeld die Freude und den Humor bei der Arbeit nicht vergessen. Für die Wirtschaft wünsche ich mir mehr Eigenverantwortung. Dass man nicht bei jedem Problem in Regulierungshektik verfällt.“ (Pierin Vincenz, CEO Raiffeisen)

 

„Disziplin und die Kontrolle sitzen den Leuten im Kopf, als Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Oder nehmen Sie andere, heute wichtige Begriffe: Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung. Immer steht das Selbst im Mittelpunkt, das an sich arbeitet und die Fortschritte überwacht. Man muss die Leute nicht mehr dazu anhalten, bestimmte, für das System nützliche Dinge zu tun. Sie tun sie von sich aus. Für sich, nicht für das System, dem sie zutiefst misstrauen.“ (Bernhard Heinzlmaier, Jugendkulturforscher)

 

„wow, merci! spricht mir aus dem herzen und trifft den geist der jugend sehr gut!“ (Cec Maria, Online-Kommentar)

 

„Ich habe meine ganze Jugend gegen die Ökonomisierung des Lebens gekämpft (auf der Strasse, im Netz, berüflich, privat… überall). Heute bin ich ein desilusionierter Schauspieler. Daneben schreibe ich Kommentare in Onlineforen – eigentlich erbärmlich. Aber euch geht es ja auch so.“ (Heini Müller, Online-Kommentar)

 

„Solange die Gelddrucker nicht aussteigen, gehts aufwärts. Und darum ist die Mehrheit der Analysten auch grenzenlos optimistisch. Zögern Sie noch oder kaufen Sie schon? Einen schönen Abend, und bis morgen.“ (“SRF Börse” vom 11. März 2013)

 

„Und wenn de do bitte chli würdsch uf-ruume noch de Revolution. Dass es ned d Jugos müend mache.“ (Rosana in “Too Small to Fail”)